Ich bin erwachsen geworden an dem Tag, als meine Mutter starb. Da war ich 27. Ich hörte auf Kind zu sein und spürte wie sich Vernunft und Verantwortung in mein Leben drängten und mich seitdem manchmal fast erdrücken. Die Unbeschwertheit ist perdue.

Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an sie denke. Kein Tag, an dem ich sie nicht vermisse. Besonders traurig bin ich aber drüber, dass mein Goldkind seine Großmama nie kennenlernen durfte. Ich könnte heulen, wenn ich nur daran denke. Sie war eine wunderbare Frau und er ist ein so wunderbares Kind. Ich vermisse ihren Rat, ihre kreativen Ideen und ihren bissigen Humor. Ich vermisse ihren Blick für die Kleinigkeiten im Leben und ihre Kämpfernatur. Bei alledem war sie mir ein echtes Vorbild. Und ja, ich vermisse es auch mal wieder bemuttert zu werden. Mal wieder klein sein zu dürfen, die Verantwortung für einen kleinen Moment abgeben zu können, sich auszuruhen und zu verschnaufen. 
Als ich mit dem Goldkind schwanger war, erlebte ich erneut eine heftige Trauerphase, die mich von Zeit zu Zeit noch immer einholt. Damit hatte ich so nicht gerechnet. Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, dass Mama zu werden so eng verknüpft sein könnte mit dem „Mama haben“.

Millionen Fragen drängten sich mir auf. Viele konnten mir liebe Freundinnen beantworten oder andere Mama-Blogs, die ich fand, als ich Onkel Google um Rat fragte.
Meine drängendsten Fragen aber blieben unbeantwortet: Wie war es, als du mit mir schwanger warst, Mama? Über welche Erziehungsfragen habt ihr damals diskutiert, was habt ihr belächelt und was war damals hip? Mama, wie war die Geburt mit mir und das Wochenbett? Hattest du jemanden, der für dich gesorgt hat, als du mich umsorgtest? Wie lange hast du mich gestillt und hast du mich schreien lassen, weil das damals halt so war? Mama, welches sind deine Geheimtipps? Und: Wie hast du das damals eigentlich hingekriegt, ganz ohne Elterngeld und ohne Elternzeit?
Die Liste könnte ich endlos weiterführen. Jeden Tag kommen neue Fragen. Und wieder kommt keine Antwort.

Seitdem ich selbst Mama bin, sehe ich, welche riesen Leistung du für uns vollbracht hast. Ich bin voller Demut, welche Hürden du genommen hast, wieviel Kraft wir dich gekostet haben, wie viele Sorgen du dir wegen uns gemacht haben wirst. Ganz bestimmt.
Wenn ich mein Goldkind ansehe, dann weiß ich, das ist das Beste, was mir je passiert ist. Er macht mich bei aller Anstrengung auch unfassbar glücklich. Und das sagtest du auch oft zu uns. Erst heute weiß ich, was das bedeutet.

Während ich hier sitze und schreibe, höre ich das Lachen meiner zwei Lieblingsmänner beim Plantschen im Bad und freue mich, wie großartig die beiden sind. Im gleichen Moment rollen zwei dicke Tränen meine Backe hinunter, weil ich dich so wahnsinnig vermisse, Mama.

Jeden Tag geschehen Dinge, die ich dir so gerne gezeigt oder erzählt hätte. Ich weiß, du wärst stolz und würdest dich mit mir freuen. Du würdest mich motivieren und mit mir nach Lösungen suchen, wenn welche gebraucht werden.

Und dann ist da auch die Angst, selbst einmal ernsthaft zu erkranken und eine Familie zurücklassen zu müssen, die dann genau dasselbe durchmachen und verarbeiten muss. Eine Horrorvorstellung, die ich oft wegdrücken kann, die aber trotzdem immer wieder aufpoppt und mich die Zeit, die ich habe, bewusst wahrnehmen lässt.
Jede Vorsorgeuntersuchung nehme ich nun ernst, sehr ernst.

Wenn mir Leute von ihren unmöglichen Eltern erzählen, dann weiß ich natürlich genau was sie meinen. Man ist nie immer Eins mit seiner Mama. Auch ich war es nicht. Und wie oft mache ich mir heute genau deshalb Vorwürfe. Vorwürfe, dass ich dir zu wenig zugehört habe, Mama. Vorwürfe, dass ich genervt war, weil du nicht schnell genug verstanden hast und ich zu ungeduldig war, dir zu erklären. Ich fühle mich schlecht, weil ich mich immer und immer wieder frage, ob ich genug für dich da war, Mama. Und wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurück drehen und alles dafür geben, dass diese blöde Krankheit nie ausbrechen würde.

Manchmal ist das Leben von heute auf morgen vorbei. Diese Erfahrung habe ich gemacht und sie hat mich gelehrt, schöne Momente anders zu genießen. Wenn ich mich verabschiede, dann versuche ich einen schönen Abschied zu haben, an den ich mich gern erinnere, für den Fall, dass wir uns nicht mehr sehen.

Eure Lena