Er ließ auf sich warten. Schon kurz vor dem errechneten Termin war ich das Schwanger sein ziemlich leid. Der Bauch war lästig in vielerlei Lebenslagen, ich hatte Sorge, dass der Bauchzwerg doch wieder so groß würde, wie sein Bruder und letztlich wollte ich auch endlich wissen, wie er aussieht und ihn in meine Arme schließen. Doch er ließ mich warten. Vier lange Tage:

Es war die Nacht von Freitag auf Samstag. Um 2 Uhr wurde ich wach, weil mein Mann zu Bett ging (er musste ja unbedingt noch was fertig Programmieren…tja). Er schlief sofort ein und ich lag da: hellwach. Mein Rücken schmerzte ein wenig und ich musste wieder mal aufs Klo.

Dort hörte ich ein lautes Knacken (aber es kam kein Fruchtwasser) und fand einen zartrosa Schleimpfropf vor. Möglicherweise der Anfang, dachte ich, und schlüpfte wieder ins Bett. Schlafen konnte ich aber nicht mehr. Die Rückenschmerzen wurden stärker und ich begann Regelmäßigkeit und Häufigkeit zu tracken. Das Ergebnis war allerdings so verrückt, dass ich ziemlich lange nicht glauben konnte, dass es ernstzunehmende Wehen sind. Die kamen nämlich so von jetzt auf gleich alle 2 Minuten (also nix mit 30 min starten, irgendwann dann 10 min und dann macht man sich gemütlich bei alle 5 min auf den Weg. Nein, ich hatte Wehen alle 2 Minuten, von Anfang an.)

Um 3 Uhr weckte ich meinen Mann, erklärte ihm die Lage und wir riefen die Oma vom Goldkind an. Um 3:30 Uhr war sie da und wir zogen von dannen. Zu diesem Zeitpunkt musste ich die Wehen dann schon ganz ordentlich veratmen. Noch immer war ich recht fassungslos, aber es war klar, wir kommen nicht allein zurück

Um 4:06 wurden wir im Kreißsaal empfangen. Dort war schon ordentlich Betrieb und nur noch ein Kreißsaal frei. Die Hebamme, die uns empfing musste noch eine Kollegin aus dem Bett klingeln. Und das war zufällig meine Nachsorge-Hebamme. Ich konnte mein Glück kaum glauben und sie freute sich genauso, als sie gefühlt nur 10 Minuten später den Kopf zur Tür rein streckte und meinte, sie sei nun da.

In der Zwischenzeit hatte ich mich irgendwie auf das Bett bugsiert, wurde ans CTG angeschlossen und der Muttermund kontrolliert: 5 cm. (Das war doch schon mal was! Insgeheim hatte ich dem Frieden noch immer nicht getraut. Ein Befund mit nur 1-2cm hätte mich echt umgehauen…). Die Hebamme meinte dazu: „Das wird schnell gehen, denn bei Mehrgebärenden gilt die Rechnung von 1cm/Std. nicht“.

Im Stillen fragte ich mich trotzdem, was sie wohl unter „schnell“ verstand. Ich sehnte mich, nach einer Verschnaufpause. Die Wehen taten ordentlich weh und für Schmerzmittel war es offensichtlich zu spät (ok, ne PDA hätte ich eh nicht gewollt, aber gegen ein bisschen Paracetamol-Placebo hätte ich nichts gehabt…).

Die Hebamme ging nach den anderen Frauen sehen. Doch kaum war sie zur Tür raus, hatte ich das Gefühl pressen zu müssen. Mein Gedanke: So was Verrücktes. Das gibt’s doch gar nicht. Ich hab mich doch eben erst hingelegt. Darf ich denn jetzt pressen? 5cm in 5 Minuten? Gibt’s das??? Ich ließ meinen Mann klingeln und bekam kurz darauf grünes Licht mitzuarbeiten.

Rechtzeitig dazu war meine Hebamme zur Stelle und leitete mich wunderbar durch die nächsten Minuten (Ich war außer Stande irgendwelche Entscheidungen zu treffen und versuchte einigermaßen ihren Ratschlägen zu folgen.) Kurz nach halb fünf platzte die Blase.

Alles was danach kam tat sch…weh (vor allem durch die Nahtstelle vom letzten Mal, die so vernarbt war, dass sie sich nicht gut dehnen ließ) und ich war so froh, als ich meinen kleinen Mann um 4:54 Uhr in die Arme schließen konnte (nachdem die Ärztin die Nabelschnur von seinem Hals entheddert hatte, die zweimal drumrum geschlungen war).

Ich war so erleichtert, als es geschafft war und dachte wirklich: NIE WIEDER! Das machen wir nie wieder! Das waren so fürchterliche Schmerzen. (Heute, wenn ich diese Zeilen schreibe, kommt es mir schon nur noch halb so schlimm vor. Und auch der Geburtsschmerz vom Goldkind, den ich bis vor kurzem wirklich noch sehr präsent hatte, verblasst mit den neuen Erfahrungen).

Und dann durfte gekuschelt werden. Das hatte ich mir so sehr gewünscht, nachdem es beim Goldkind leider nicht möglich war. Und während wir zum ersten Mal stillten und uns kennenlernten, wurden meine Wunden versorgt. Ich war sofort Schockverliebt in das neue Erdenkind. Und es ist wirklich so, auch wenn man es kaum für möglich hält: Es macht Peng! Und die Liebe, die zuvor für ein Kind da war und von der man dachte, man kann sie unmöglich teilen, verdoppelt sich kurzerhand, einfach so.