Vor einer ganzen Weile habe ich mit Mira über ihre Schwangerschaft gesprochen. Inzwischen leben die beiden Clowns zu Dritt im Wagen.

Liebe Mira, inzwischen seid ihr eine Familie. Wer ist nun der/die Dritte im Bunde?

Ja, Frieda Mascha ist da. Wir sind überglücklich. Wer ist Frieda? Das erfahre ich jeden Tag aufs Neue, jeden Tag ein bisschen anders, jeden Tag ein bisschen mehr. Und trotzdem kann ich diese Frage gar nicht recht beantworten, da das was zwischen uns Dreien in den ersten Wochen passiert und wir mit unserer Tochter erleben ja so wenig mit gesprochener Sprache auszudrücken ist. Sie ist der Mensch, den wir am Meisten lieben. Später einmal werde ich vielleicht sagen können: Rotzfrech, wild und wunderschön, aber jetzt schon?

Magst du mir von der Geburt erzählen? Wie ist es euch ergangen?

Am 1. März kam Frieda zur Welt, sechs Tage vor Termin. Vorher hatten wir oft mit ihr im Bauch gesprochen: Liebes Kind, alle Tage sind recht, nur der 1. März, der wäre echt ungünstig. Mein Partner hatte morgens einen Auftritt, nachmittags ein Schulprojekt und abends sollte er einer Vorführung seiner (erwachsenen) Schüler*innen beiwohnen -die diesjährigeAbschlussprüfung der Clown-Schauspiel-Absolvent*innen. Mein Wecker klingelte an diesem Tag um 7 Uhr und ich fühlte mich unendlich schwer. Ich berappelte mich und machte Frühstück. Irgendwie machte ich das Frühstück unter Tränen, weil ich mich einfach so schwer fühlte. Mein Partner war super aufgeregt wegen seinem Auftritt und hatte keinen Kopf für mich. Dann fuhr er los zu seinem Auftritt, ich eine halbe Stunde später mit den Öffentlichen und zu Fuß quer durch die Stadt hinterher. Die Bewegung tat mir gut, aber ich blieb alle zehn Meter stehen. Im Nachhinein weiß ich: Diese Schwere, das waren die ersten Wehen. Die Aufführung war wunderbar. Mein Partner spielte großartig. Ich habe soviel gelacht und das tat unendlich gut. Die Schwere? Für diese Stunde weggeblasen. Mittags wieder zuhause, kochte ich Suppe, hatten wir doch für abends Gäste eingeladen, mit denen wir zur Abschlussprüfung fahren wollten. Und da war sie wieder: Diese Schwere. Bloß nicht überbewerten, dachte ich mir. Nach dem Kochen legte ich mich einfach hin. Schlafen konnte ich nicht. Um halb sechs kamen unsere Gäste, mein Partner war inzwischen wieder zuhause und wir einigten uns, dass wir vorsichtshalber den Mutterpass abends mitnehmen würden. Während dem Essen stand ich alle paar Minuten auf und atmete die Schwere weg, eine Freundin massierte mir den Rücken. Wir lachten, aßen und erzählten Geschichten. Dass es sich bei der Schwere um Wehen handelte, war inzwischen allen klar… Noch zur Abschlussshow fahren oder nicht? Ich rief die Hebamme an. Die meinte: Geht mal noch eine Runde spazieren und dann ab ins Krankenhaus und wir sehen uns morgen!!! Hui! Da war es offiziell. 3,5h später war Frieda da. Alle unsere Wünsche bezüglich der Geburt waren in Erfüllung gegangen. Am nächsten Tag um 16 Uhr waren wir -nun drei- wieder zuhause.

Wie geht es euch als Familie? Habt ihr euch schon eingelebt? 

Wir sind so glücklich, wenn wir drei nun nebeneinander im Bett liegen, Frieda zwischen uns. Morgens stehe ich immer zwischen sieben und acht auf, der Rest der Familie schläft aus -das ist MEINE Zeit. Ich koche Kaffee, gehe Holz hacken, mache den Ofen an, mache Übungen, schreibe Briefe, SMS, oder beantworte dieses Interview… Solange bis Frieda Hunger bekommt. Meist wacht Frieda schon auf, bevor sie Hunger hat. Dann wird noch eine Weile im Bett gekuschelt und gespielt. Dabei zu lauschen, macht mich immer ganz glücklich. Dann schälen sich die beiden auch so langsam aus den Federn. Ich stille, wir wickeln, trinken Kaffee und frühstücken. Die Reihenfolge variiert. Den Morgen verbringen wir gemeinsam, machen irgendwie den Haushalt oder unternehmen etwas Kleines, nachmittags bricht mein Partner zu Schulprojekten auf. Zwischendurch, wenn Frieda schläft, organisiere ich unsere Auftritte und erledige allerhand formalen Krempel. Abends kochen wir, gehen vielleicht noch spazieren oder in den Garten, irgendwann wird Frieda knatschig und wir schuckeln, schaukeln und stillen sie bis sie einschläft.
Sonntag morgens und Dienstag am Spätnachmittag gehen wir in unser Atelier um zu trainieren und zu proben. Manchmal organisieren wir dafür auch eine Babysitterin, die Frieda in die Trage nimmt und mal eine Stunde spazieren geht, ansonsten ist sie dabei und wir wechseln uns ab. Meine allmorgendlichen Übungen sind für mich auch eine wichtige Vorbereitung um bald wieder auftreten zu können -und für den werten Beckenboden auch nicht zu verachten.

Wie geht es dir in der Familienzeit?

Es ist ganz anders als gedacht Mama zu sein: Diese Liebe, wenn Frieda und ich uns in die Augen schauen, das Immer-Da-Sein für einen Menschen, der MICH wirklich braucht, das Stillen… (Total abgefahren jemand mit der eigenen Brust zu ernähren…)
Schon in der Schwangerschaft war ich oft traurig, der sogenannte Weltschmerz. Ich meine wirklich WELTSCHMERZ. Ich bin traurig, wie sich unsere Welt und unsere Gesellschaft entwickelt und das war für mich immer ein Grund zu überlegen, ob ich überhaupt ein Kind in die Welt setzten möchte. Klimawandel, Umweltverschmutzung, Konsum und auch der politische Rechtsrutsch machen mir zu schaffen.

Wenn ich ein Kleidungsstück für Babies von H&M oder anderen vergleichbaren Unternehmen in der Hand halte, denke ich nur: Von Kindern für Kinder?? (Stichwort Kinderarbeit) Wenn ich eine Plastikwindel in Händen halte, denke ich: 350 Jahre bis diese abgebaut ist. Falls sie verbrannt wird, wie der meiste Restmüll, entsteht giftige Asche, die wie Atommüll endgelagert werden muss. Ein Kind braucht ca. 5000 Windeln bis es trocken ist (und wird statistisch gesehen schneller mit Stoffwindeln trocken)… Jede deutsche Familie gibt im Schnitt 5000 Euro für die Erstausstattung des ersten Kindes aus. Im Schnitt! For what!? Ich hoffe, nicht für Plastikkrimskrams und Sock-ons… Die Industrie hält für jede Eventualität mit Schwangeren und später mit Babies das passende Produkt parat. Ganz ehrlich, diese Produkte wurden nicht zum Wohle unserer Kinder erfunden, auch wenn es so scheint, sondern zum Wohle der Wirtschaft. All diesen Krimskrams (neu) zu kaufen, ist Ressourcenverschwendung und sicher keine Investition in die Zukunft dieser Generation. Weniger Müll, bedeutet mehr Zukunft für diese Generation. Am Anfang war ich einfach nur traurig und wurde immer trauriger und dann konnte ich Frieda als sie endlich geboren war in die Augen schauen und es gab Momente, da musste ich einfach heulen, weil ich so traurig war über diesem Thema. Inzwischen wächst in mir der Wille und die Kraft etwas zu ändern und zu kämpfen für eine bessere Zukunft der Generation meiner Tochter. Ich bin es ihr schuldig.

Mir fehlt Trubel. Ich mag es bei Zirkusprojekten viele Kinder um mich rum zu haben und das schaukelnde Schiff irgendwie zu lenken. Ich mag es auch mehrere Sachen gleichzeitig zu tun. Ich liebe bunte Festivals auf denen wir auftreten, laute Musik und tanzen. Und ich rauche auch gerne am Ende eines warmen Tages mal eine Zigarette oder trinke ein kühles Bier. Zum Glück habe ich alkoholfreies Bier zu lieben gelernt. Wenn ich meine Tochter so ansehe, verzichte ich weiterhinauch sehr gerne auf die gelegentliche Zigarette und manchmal mache ich einfach Musik an und tanze mit ihr auf dem Arm oder in der Trage. Das ist sooo schön! Und irgendwann buchen wir dann mal unsere Babysitterin nicht für Auftritteoder Proben, sondern um tanzen zu gehen!!! Das hat nochetwas Zeit.

Welche 3 Dinge aller Dinge die du angeschafft hast für das Kind sind unerlässlich und welche 3 haben sich als völlig unnötig herausgestellt?

Drei unerlässliche Dinge: Bakfiets-Lastenfahrrad (mit Maxi Cosi und gefederter Halterung), Manduca-Trage, Wolle-Seide-Unterwäsche

Drei erlässliche Dinge: Kinderwagen, Wolleoverall in 62/68 (der passt ihr jetzt, wo der Sommer anfängt), Tragetuch

Den Kinderwagen und die Trage bekamen wir gebraucht und werden beides einfach weitergeben! Auch der Wolleoverall wird hoffentlich irgendwann ein anderes Kind wärmen.

 

Danke, liebe Mira, für den kleinen Einblick in euer Leben! Alles Liebe für euch!